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Verlautbarung Diözesanadministrator

Vielerorts wurde gegen Rechtsextremismus demonstriert – auch in Bad Waldsee. © Bild: Christian Schmitt / In: Pfarrbriefservice.de

Diözesanadministrator Clemens Stroppel ruft zum Zusammenhalt auf

Gut, dass zahlreiche Christinnen und Christen

sich für Menschenwürde, Menschenrechte und Demokratie einsetzen!

Wir stehen vor großen Herausforderungen in unserem Land, in Europa, weltweit. Und mitten in komplexen Transformationsprozessen. Deren Folgen erleben wir vielfältig immer deutlicher. Ihre Bewältigung verlangt viel von uns.

Eine wachsende Zahl von Menschen versteht die politischen Entscheidungen nicht mehr. Parlamentarische Abstimmungs- und Kompromissfindungsprozesse erscheinen ihnen zu langsam und zu kontrovers. Sie sind verunsichert, wütend und haben Angst vor sozialem Abstieg. Das darf uns nicht dazu bringen, uns von populistischen Aussagen, demagogischen Parolen und scheinbar einfachen Lösungen vereinnahmen zu lassen.

Mit Sorge beobachten wir Entwicklungen in unserem Land, die auch als Christen von uns verlangen, dass wir eindeutig Stellung nehmen: Demokratische Prozesse und Institutionen werden systematisch in Frage gestellt und verächtlich gemacht. Populistische, rechtsextremistische und antisemitische Positionen werden zunehmend salonfähig. Misstrauen, Hass und Hetze treiben die Gesellschaft auseinander.

Die unantastbare Würde des Menschen zu achten und zu schützen muss das Maß allen staatlichen Handelns sein. Politische Parteien, die diesen Grundsatz in Frage stellen, können nach unserem Verständnis keine Alternative sein.

So hat sich die Deutsche Bischofskonferenz einstimmig klargestellt:

»Die Kirche weist […] alle Formen des Extremismus mit Nachdruck zurück. […] Gegenwärtig stellt der Rechtsextremismus die größte Bedrohung extremistischer Art für unser Land und für Europa dar.

Wir sagen mit aller Klarheit: Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar. Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rande dieser Ideologie wuchern, können für Christinnen und Christen daher kein Ort ihrer politischen Betätigung sein und sind auch nicht wählbar. Die Verbreitung rechtsextremer Parolen – dazu gehören insbesondere Rassismus und Antisemitismus – ist überdies mit einem haupt- oder ehrenamtlichen Dienst in der Kirche unvereinbar.

 Wir appellieren an unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger, auch an jene, die unseren Glauben nicht teilen, die politischen Angebote von Rechtsaußen abzulehnen und zurückzuweisen. Wer in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft leben will, kann in diesem Gedankengut keine Heimat finden. Wer Parteien wählt, die mindestens in Teilen vom Verfassungsschutz als „erwiesen rechtsextremistisch“ eingeschätzt werden, der stellt sich gegen die Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens und der Demokratie in unserem Land.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das klare Votum gegen jede Form des Rechtsextremismus bedeutet in keiner Weise, dass die Kirche sich dem Dialog mit jenen Menschen entziehen wird, die für diese Ideologie empfänglich, aber gesprächswillig sind.«[1]

 Die Orientierung an den christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft, das Festhalten an den unveräußerlichen Menschenrechten, an der Gleichheit aller Menschen in allen Lebensphasen, an den Werten der Demokratie, eines sozialen Rechtsstaats und einer sozialen Marktwirtschaft hat unserem Land Frieden und Wohlstand gebracht. Auf dieser Grundlage werden wir auch die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen.

Völkische Vorstellungen, abstoßende Äußerungen über Migranten und ihre Unterstützer und krude Ausweisungsphantasien, die Ablehnung von Schutzangeboten für Geflüchtete, die Ausgrenzung von Menschen, die Leugnung des menschengemachten Klimawandels und die pauschale Verächtlichmachung von politischen Akteuren und Institutionen oder die Agitation gegen die parlamentarische Demokratie sind mit den Grundwerten unserer Gesellschaft unvereinbar.

Als Christen treten wir ein für sozial schwache und ausgegrenzte Menschen,

stehen wir auf für Frieden und gerechte Teilhabe,

verwenden wir uns für Menschen, die Sicherheit in unserem Land suchen, schützen wir, die bedroht, angegriffen, eingeschüchtert und diskriminiert werden, stellen wir uns gegen Rassismus und Antisemitismus.

Suchen wir den kritischen Austausch. Fragen wir nach Begründungen für politische Positionen. Bleiben wir respektvoll im Umgang. Prüfen wir bei unseren Überlegungen die langfristigen Folgen für unser Zusammenleben. Lassen wir uns nicht verwirren, wenn die sozialen Medien bewusst mit Falschinformationen und Lügen überschwemmt werden. Treten wir entschlossen und tatkräftig ein für unsere parlamentarische Demokratie und für Menschenrechte.

75 Jahre Grundgesetz dieses Jahr: »Im Bewusstsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen[2]«. Gestalten wir gemeinsam füreinander eine freiheitlich demokratische und menschenwürdige Zukunft!

Stehen Sie auf als Christin oder Christ – das ist meine herzliche Bitte.

Beziehen Sie persönlich, in Gremien, in der Gemeinde Stellung gegen Rassismus, Antisemitismus und Extremismus und setzen Sie sich in ihrer Kirchengemeinde gemeinsam ein für die unveräußerliche Würde aller Menschen, für Demokratie und Menschenrechte, und für ein Miteinander in Respekt und Frieden.

Dr. Clemens Stroppel,

Diözesanadministrator der Diözese Rottenburg-Stuttgart

 

[1]    Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar. Erklärung der deutschen Bischöfe 22.02.2024

[2]    Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Präambel – Erster Satz.