Schwäbische Zeitung vom 23.03.2019
Bericht: Rudi Heilig

Solidarische Gemeinde - Unterstützungsangebote im Alltag geplant

Konstantin Eisele versteht es, Menschen für eine gute Sache zu motivieren und zu engagieren. (Foto: Rudi Heilig)

 

„Wenn ich heute in den Saal des Gemeindehauses blicke, bin ich begeistert und überwältigt, es sind sage und schreibe 130 Mitglieder und Gäste unserer Einladung gefolgt“, mit diesem Satz eröffnete Vorsitzender Konstantin Eisele am Donnerstag die Mitgliederversammlung der Solidarischen Gemeinde Reute-Gaisbeuren. Dieses Interesse der Bevölkerung spiegelte die umfangreiche Arbeit des erst im vergangenen Jahr neu im Vereinsregister eingetragenen sozialen Vereins wider.

Eine Umwandlung – vorher war der Verein in kirchlicher Trägerschaft – wurde notwendig, weil das Engagement vor Ort nicht in allen Bereichen den diözesanen Vorgaben entsprach. So haperte es beispielsweise beim Versicherungsschutz der Mitglieder. „Wir können mit der dadurch gewonnenen Freiheit gut umgehen. Unser Verhältnis zur katholischen Kirchengemeinde ist nach wie vor sehr gut und soll auch so bleiben“, erklärte Eisele.

Begonnen hatte das Geschäftsjahr mit einer Fragebogenaktion. Bei 50 Prozent Rücklauf konnte hierbei eine hohe Zufriedenheit der 466 Mitglieder festgestellt werden. Zentraler Wunsch der Teilnehmer waren die noch fehlenden Unterstützungsangebote im Alltag. Ein Referat von Facharzt Jens Stehle über Schultererkrankungen interessierte fast 100 Personen. Beim Besuch der Landtagsabgeordneten Petra Krebs ging es auch um finanzielle Details im Pflegebereich. Viel zum Schmunzeln gab es beim Herbstfest, wo Heimatdichter Hugo Breitschmid mit seinen schwäbischen Gedichten voll ins Schwarze traf.

Bei einer Klausurtagung in der Schwäbischen Bauernschule Bad Waldsee beschäftigte fehlende Barrierefreiheit in Reute die Teilnehmer. So verwehren sowohl in der alten Schule, als auch bei der Anlaufstelle am Dorfplatz Treppenanlagen Rollstuhlfahrern den Zutritt. „Wir kämpfen jetzt im Vorfeld der Gemeinderatswahl um einen längst notwendigen Umbau“, richtete Vorsitzender Eisele seine Worte in Richtung Stadtverwaltung. Alfred Maucher, Fachbereichsleiter Öffentlichkeit und Bürgerschaftliches Engagement der Stadt Bad Waldsee nahm in seinem späteren Grußwort diese Anregung auf und befand: „Geniert euch nicht und bringt dieses drängende Thema im Rathaus vor“.

Die zentrale Anlaufstelle mit Maria Eisele, Waltraud Hoch und Gertrud Reihs erhält mit Yvonne Mock Verstärkung. In kurzen Statements berichteten die Verantwortlichen dann über die Arbeit der einzelnen Gruppen. So konnte Manfred Lerach bei den monatlichen Wanderungen von einem steigenden Interesse (25 bis 35 Teilnehmer) berichten. Vier Mütter leiten das Zwergencafé, Franziska Tessling zeigte hier Bilder von bis zu zwanzig Kindern. 355 Stunden Zeit schenkte der Besuchsdienst mit Rosita Kotté Menschen in Einsamkeit. Klara Buck zeigt monatlich etwa zehn Personen wie Körper, Geist und Seele fit bleiben. Auf den wöchentlichen Singkreis (Anne Mayer) freuen sich regelmäßig 30 Personen. Lothar Grobe ist neben 20 Helferinnen der einzige männliche Mitarbeiter bei den wöchentlichen Treffs im „Café Miteinander“.

Besonders aktiv war die Gruppe „Heimatpflege“ unter Franz Zembrot. Neben dem mit 150 Personen besuchten Vortrag vom Archäologen Martin Mainberger „Moordorf Reute“ gab es eine gutfrequentierte Kapellentour. Als stellvertretende Ortsvorsteherin lobte Angelika Brauchle die Heimatpflege für die derzeitige Aufarbeitung des kommunalen Archivs.

Pflegenotstand ist spürbar

Im Kassenbericht konnte Günther Steinhauser von einer soliden Rücklagenbildung für künftige Aufgaben berichten. Für Sabine Rogg wählte die Versammlung Monika Scheeff zur neuen Schriftführerin. Marion Bofinger (Caritas-Beratungsstelle „Zuhause Leben“) stellte in einem Kurzreferat fest, dass auch in Reute-Gaisbeuren der Pflegenotstand spürbar sei: „Die Beratungsstellen funktionieren zwar gut, doch im Bedarfsfall sind Heimplätze, Kurzzeit- und Tagespflege ganz oft ausgebucht“. Ähnliches berichtete auch Margret Bredemeier von der „Organisierten Nachbarschaftshilfe“. Mit Beifall wurde hier Annemarie Dürr aus Kümmerazhofen bedacht, als examinierte Altenpflegerin bot sie spontan ehrenamtliche Mithilfe an. Dieses sei jetzt möglich, da ihr langjähriger Arbeitgeber, das Pflegeheim Bärenweiler, Ende August seine Tore schließt.

Große Aufmerksamkeit wurde Christian Mayer von der kirchlichen Wohnraumoffensive „Herein“ zuteil. „Bestimmt gibt es auch in Reute-Gaisbeuren leer stehende Wohnungen. Hier könnte die Caritas dem Eigentümer bei der Vermietung an sozial schwache Personen Sicherheit für Miete und Wohnzustand bieten“, erklärte der aus Kümmerazhofen stammende Sozialpädagoge. Im Ausblick nannte Konstantin Eisele vor allem die Umsetzung der in der Umfrage gewünschten Unterstützungsangebote. Mit der beantragten Zertifizierung soll die Nachsorge nach einem Krankenhausaufenthalt sowie eine Betreuung zuhause angeboten werden können. Auch haushaltsnahe Dienstleistungen sollen künftig möglich sein.